Handyfrei an Solinger Schulen - Mit Social Media umgehen
Alle reden über ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche an Schulen. In Solingen sind alle 5. Klassen bereits handyfrei. Andreas Tempel, Leiter der Alexander-Coppel-Gesamtschule Solingen, spricht über das Projekt und die Auswirkungen.
Wie kam es zum Handy-Verbot an Ihrer Schule?
Die Bezirksregierung hatte die Idee dazu und suchte vor ungefähr eineinhalb Jahren nach einer entsprechenden Kommune, in der Schulen aller Schulformen besonders gut zusammenarbeiten. Außerdem wurde eine recht kleine Großstadt für das Projekt gesucht. Ende 2024 setzten wir uns dann mit allen Beteiligten zusammen. Die Schulleiter aller weiterführenden Schulen waren sofort von dem Projekt angetan. Unterstützt wird das Projekt fortlaufend vom Coppelstift, der psychosozialen Beratungsstelle Solingens, und dem regionalen Bildungsbüro der Stadt.
Wie waren die Reaktionen der Eltern?
Wir haben von vielen Eltern Zuspruch und Unterstützung bekommen. Es gab aber auch eine Gegenbewegung. Ich kann dazu nur sagen: Diese Kritiker haben uns nicht zugehört. Wir wollen den Kindern nicht das Handy verbieten - das wäre ja lebensfern. Wir wollen lehren, wie der richtige Umgang mit dem Smartphone im Leben funktionieren kann. Es geht uns darum zu zeigen, dass ein unkontrollierter Umgang mit dem Handy nicht sinnvoll ist – und das ist eben vor allem in jungen Jahren wichtig. Wir sind für einen zielgerichteten Umgang mit dem Handy.
Gab es denn auch positive Reaktionen?
Viele Eltern haben das Projekt sofort und aus vollem Herzen unterstützt. Beim Elternabend war diese Situation ganz interessant. Wir haben gefragt, wer seinem Kind zum Eintritt in die fünfte Klasse ein Handy geschenkt hat. Die meisten Eltern meldeten sich. Wir fragten auch, wer es mittlerweile bereut hat. Auch da meldeten sich fast alle Eltern.
Was meinen Sie konkret damit?
Ich muss wissen, worauf ich mich einlasse. Ich muss wissen, dass ich auf Gewalt- und Pornovideos stoßen und Mobbing ausgesetzt werden kann. Viele Kinder haben im Alter von elf Jahren Filme angeschaut, die sich selbst Erwachsene nicht zumuten wollen. Das kann doch nicht sein! Es ist wichtig, einen vernünftigen Umgang zu kennen. Das bedeutet auch, mit Tablets und Handys im Unterricht arbeiten zu können, wenn es denn erforderlich ist.
Wie läuft dann der Schulalltag ab?
Morgens geben die Kinder ihr Handy ab. Sie legen es in eine sogenannte Handy-Garage. Hier können sie es am Ende des Schulalltages mit Hilfe einer Lehrkraft wieder herausholen. Wichtig war und ist uns bei diesem Projekt auch, dass die Eltern ihre Kinder begleiten und unterstützen. Wir können und wollen natürlich nicht kontrollieren, wie die Kinder zu Hause mit digitalen Medien umgehen. Wir haben deshalb alle Eltern der Fünftklässler motiviert, eine entsprechende Erklärung (Erziehungspartnerschaft genannt) zu unterschreiben, mit der sie sich dazu bekennen, auch zu Hause den Konsum mit dem Smartphone einzuschränken und auf einen richtigen Umgang zu achten.
Meinen Sie, dass ein hoher Social-Media-Konsum die psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen fördert?
Das kann ich wissenschaftlich gar nicht sagen. Ich kann aber feststellen, dass es früher von 100 Schülerinnen und Schülern mal ein bis zwei mit psychischen Problemen gab. Das ist heute anders: Es gibt sehr viele Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel aufgrund von Klinikaufenthalten die Oberstufe abbrechen müssen. Bei Mädchen stellen wir viele ernsthafte Erkrankungen fest. Ich finde, es ist eine Art vermeidbare Lebensuntüchtigkeit bei Kindern und Jugendlichen entstanden.
Was bedeutet das?
Ich finde diese Zeit schwierig; das Leben ist so ausgefranst. Auch in den Whatsapp-Kanälen kommt es zu Mobbing. An irgendeiner Stelle bei Konflikten, die wegen der Schwere dann bei der Schulleitung landen, ist immer Social Media beteiligt. Ich finde, wir verlieren die Kontrolle, obwohl wir als Eltern und Schule eine Schutzpflicht unseren Kindern und Jugendlichen gegenüber haben.
Ganz wichtig: Wie reagieren denn die Schülerinnen und Schüler selbst auf das Handy-Verbot?
Von großer Einsicht bis zu völliger Uneinsichtigkeit ist alles dabei. Manche Kinder lassen nach kurzer Zeit das Handy von selbst zu Hause. Es gibt aber auch Jungs und Mädchen, die das Verbot nicht einsehen wollen und nicht erkennen, dass es für sie besser sein könnte. Ein Mädchen sagte – und es ist nicht das einzige: Ich kann das Handy nicht weglegen. Ich brauche es und bin süchtig.
Merken die Kinder und Jugendlichen denn nicht, dass sie sich selbst durch die handyfreie Zeit verändern?
Vielleicht nehmen Kinder das nicht so bewusst wahr. Aber wir stellen es ja fest: Früher saßen die Kinder nebeneinander und waren für sich mit dem Handy beschäftigt. Heute sehen wir deutlich, dass wieder mehr gespielt wird, dass unsere Spielausleihe wieder richtig gut läuft.
Wie geht es weiter?
Wir führen das Projekt in der sechsten Klasse weiter. Ziel ist, einmal eine handyfreie Schule zu sein. Interessanterweise will der komplette aktuelle sechste Jahrgang freiwillig auch auf das Handy verzichten. Bei alledem möchte ich aber nochmal ganz deutlich sagen: Es geht uns um einen kontrollierten Umgang mit den digitalen Medien – nicht um ein Verbot.
Das Interview führte Eva Rüther.