- Die Bergische Wirtschaft vor 50 Jahren
Ein Blick ins Archiv verrät: Nachrichten bleiben lange interessant. Manche Nachricht ist heute kurios, manche lange vergessen, manche Texte sind noch heute hochaktuell. Wir blicken mit Ihnen ab jetzt in loser Folge in das Archiv der Bergischen Wirtschaft. Heute: 1. Juni 1976
Wenn man einen Blick in die Fachpresse wirft, muß man den Eindruck gewinnen, daß Fußgängerstraßen vielfaches Interesse finden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in einer Tageszeitung oder in einer Fachzeitschrift Berichte über Fußgängerbereiche zu lesen sind, über Neubauten, Erweiterungen, Ausgestaltungen, besondere Aktionen, Erfolge oder auch Mißerfolge, wenn gleich letzteres seltener. In den beiden letzten Jahren wurde fast in jeder Woche eine neue Fußgängerstraße, ein neuer Bereich der autofreien Nutzung, zugeführt. Untersuchungen zeigen, daß es bereits mehr als 250 Fußgängerbereiche in den Städten der Bundesrepublik Deutschland gibt. Einige Städte haben in ihrem Stadtbild sogar mehrere von einander getrennte Fußgängerbereiche. Die Zahl der Fußgängerbereiche wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Der Prozeß wird sich jedoch, was die Neuschaffung von fußläufigen Geschäftsbereichen angeht, verlangsamen, denn bald werden alle bedeutenden Städte ihre „Fußgängerase“ haben. Dann wird es mehr um die Perfektion der bestehenden Fußgängerbereiche gehen oder um die Einbeziehung von Wohnbereichen.
Im allgemeinen haben sich die Fußgängerstraßen nicht nur für die Kaufleute, sondern auch für die Kommunen als erfolgreich erwiesen. Trotzdem werden heute immer noch von vielen Kaufleuten Bedenken gegen die Einrichtung von Fußgängerstraßen oder die Erweiterung zu Fußgängerbereichen vorgebracht. Die Befürchtung, daß Fußgängerstraßen auch erhebliche Nachteile für den Gewerbebetrieb haben könnten, obwohl er innerhalb des privilegierten Bereichs liegt, ist tief verwurzelt.
Wie sieht nun die Wirklichkeit aus? Die meisten Fußgängerstraßen sind erst in den letzten acht Jahren entstanden. Am Anfang der Überlegungen, Fußgängerstraßen einzuführen, stand die Frage, wie man der zunehmenden Verkehrslawine Herr werden könnte. Die Haupteinkaufsstraßen in den Städten waren von PKW’s verstopft, zwischen denen sich Fußgänger durchzwängen mußten. Das Auto, das eigentlich Käufer in die Innenstadt bringen sollte, wurde in dem Maße funktionsunfähig, in dem es sich dem Zentrum näherte und dann das Abenteuer der Parkplatzsuche begann. Durch die Misere der autoverstopften und abgasseverseuchten Innenstadt wurde es den Bürgern zunehmend vergällt, das Zentrum zu besuchen beziehungsweise von einer Straßenseite zur anderen zu wechseln. In den Hauptgeschäftsstraßen entstanden bevorzugte und gemiedene Straßenseiten oder Straßenabschnitte.
Fast gleichzeitig entwickelten sich an den Stadträndern oder auf der grünen Wiese neue Betriebsformen: Verbrauchermärkte und Selbstbedienungswarenhäuser. Hierbei handelt es sich um Einzelhandelsbetriebe mit mehr als 1 000 qm beziehungsweise 3 000 qm Verkaufsfläche, die überwiegend nach dem Diskontprinzip arbeiten und ausreichend Parkplätze anbieten. Einige Jahre früher waren auch die ersten außerstädtischen Einkaufszentren entstanden, zum Beispiel das Main Taunus Zentrum bei Frankfurt. Diese großflächigen Einzelhandelszentren beziehungsweise Großbetriebe des Einzelhandels konnten ihren Kunden viele Annehmlichkeiten bieten, die es in den Großstädten nur noch selten gab: leichte Zufahrten, gute kostenlose Parkplätze, ungestörtes Einkaufen. Standortbedingt konnten sie auch vielfach preisgünstiger anbieten als die Betriebe in der Innenstadt. Obwohl sie weder die Angebotstiefe noch die Artikelzahl wie die Betriebe der Innenstadt boten, noch die staffelweite Sortiment und die Vielfalt der Dienstleistungen, wurden sie zu einer schweren Konkurrenz für die Innenstädte.
Als die Kaufleute in den Innenstädten merkten, welche Gefahren ihnen auch von den neuen Konkurrenten am Stadtrand drohten, suchten sie gemeinsam mit den Stadtverwaltungen nach Lösungsmöglichkeiten. Man erkannte bald, was not tat: Den Kunden mußte wieder die Möglichkeit geboten werden, in einem verkehrsberuhigten oder sogar verkehrsfreien Raum zu flanieren und ohne äußere Bedrängung einzukaufen. Hierdurch sollte gleichzeitig die Innenstadt wieder belebt und zu einem lebendigen Kommunikationszentrum werden, langfristig auch zu einem anregenden, erholsamen Freizeitzentrum.
Die Möglichkeiten, die sich für die Umgestaltung boten, waren entweder die Herausnahme des Verkehrs aus der Innenstadt oder aber die Verlagerung des Verkehrs in die minus 1 Ebene. Aus Kostengründen ist der letztere Weg in der Bundesrepublik Deutschland bisher noch nicht beschritten worden. Die totale Herausnahme des Verkehrs aus den Geschäftsstraßen ist nur dann möglich, wenn die Warenan und auslieferung auf anderem Wege erfolgen kann. In allen anderen Fällen, und dies gilt für die Mehrzahl, ist nur eine zeitlich begrenzte Herausnahme des Verkehrs möglich.
In diesen neu geschaffenen verkehrsfreien Zonen kann sich dann das Geschäftsleben neu entwickeln. Die Erfahrungen, die in vielen Fußgängerstraßen gesammelt wurden, zeigen, daß nach dem Ausbau einer Straße zu einem Fußgängerbereich die Umsätze des Einzelhandels in der Regel angestiegen sind. Die Zahl der Kunden nahm zu, der Umsatz pro Kunde stieg. Allerdings müssen der zusätzliche Umsatz und die zusätzlichen Kunden irgendwo herkommen. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, daß sie von anderen Zentren, Vororten usw. abgezogen werden und diese dann geschwächt werden.
Der erfreuliche Erfolg der Fußgängerstraßen hat noch eine andere Kehrseite. Sie ist darin zu sehen, daß sich in den Fußgängerbereichen ein Strukturwandel abspielt, der über das sonst übliche Maß hinausgeht. Praktisch sind aus den Fußgängerbereichen die meisten Fachgeschäfte für Güter des täglichen Bedarfs verschwunden. Auch Hotels und Restaurants kommen zunehmend in Bedrängnis, weil sie Schwierigkeiten mit den Zufahrten haben. An Stelle dieser Betriebe siedeln sich vielfach Filialunternehmen und Warenhäuser an, die zwar zu Magneten der Fußgängerbereiche werden, aber auf der anderen Seite langfristig zu einer gewissen Monotonie des Einkaufsbereichs führen können. Der Fußgängerbereich der Stadt A unterscheidet sich dann, was die Angebotsstruktur betrifft, nicht mehr wesentlich von dem Fußgängerbereich der Stadt B. Der ursprüngliche Wettbewerb zwischen den Fachgeschäften der beiden Städte wurde vermindert.
Noch ein weiterer negativer Punkt darf nicht unerwähnt bleiben: Die Geschäfte in den Randlagen, in die der Fahrverkehr abgedrängt wurde, werden von ihren Kunden abgeschnitten. Diese zieht es mehr und mehr in die verkehrsberuhigten Zonen, weil sie hier ungestört einkaufen können.
Zweifellos hat diese Entwicklung wesentlich dazu beigetragen, daß der Selektionsprozeß im Einzelhandel, soweit er die Städte betrifft, vorangetrieben wurde.
War es lange Zeit möglich, eine Fußgängerstraße ohne besonderen Ausbau zu schaffen, so erscheint dies heute nicht mehr vertretbar. Wenn schon die Originalität der Geschäfte vermindert wird, dann muß sich die eine Fußgängerzone gegenüber der anderen durch eine originelle Gestaltung abheben. Gestalter und Architekten haben hier ein weites schöpferisches Feld, das noch viele Möglichkeiten bietet. Nur hier ist es möglich, die Eigenart und Attraktivität der Städte zu erhalten. Nicht zuletzt gilt dies im Bereich der Freizeitgestaltung, der für die modernen Städte einen immer höheren Stellenwert erhält. Verbunden mit dem Bündel vielfältiger Maßnahmen ist die Absicht, auch wieder mehr Wohnbevölkerung in die Städte zu ziehen und hier wieder ein pulsierendes, urbanes Leben zu erreichen.
Schwierigkeiten ergeben sich nach wie vor bei der Einrichtung von Fußgängerbereichen in Klein und Mittelstädten. Hier ist oft die Zentralität nicht so gegeben, daß sich die Einrichtung von Fußgängerbereichen anbietet. Fußgängerbereiche erfordern nun einmal ein bestimmtes Mindestmaß an Vitalität. Da, wo bisher kein Leben war, dürfte es sehr schwer fallen, durch die Schaffung von Fußgängerbereichen ein aktives Geschäftsleben zu erzeugen. Bestimmte Mindestvoraussetzungen müssen schon erfüllt sein: zum Beispiel eine bestimmte Mindestlänge, eine Mindestbreite; sie darf aber auch nicht zu lang und nicht zu breit sein; nahegelegene Parkplätze, hohe Besucherfrequenz und ein guter Anschluß an den öffentlichen Verkehr. Eines aber können Fußgängerzonen auf keinen Fall sein: Ein Ersatz für eine verfehlte Stadtplanung.
Text: Dr. Manfred Horch