Expedition für Artenvielfalt - Den Zugvögeln hinterher

Timm Döbert, promovierter Geoökologe und Radsportler, lebt in Kanada und kommt nur noch selten in seine Heimat Sprockhövel. Auf der Nordbahntrasse trainiert er für die Expedition „Wings of Survival“ auf den Spuren von Zugvögeln.

Sie wollen in neun Monaten 30.000 Kilometer von Alaska bis Patagonien mit dem Fahrrad überwinden. Es waren fünf Jahre Vorbereitung für Sie und Ihre Partnerin Leanna Carriere und im Juli geht es los.

Die Idee entstand 2021 und wir wollten schon in einem Jahr loslegen, aber das Projekt ist massiv gewachsen und die Suche nach Sponsoren – mittlerweile gehören dazu namhafte Brands wie Patagonia – braucht Zeit. Die Expedi­tionsräder kommen aus Freiburg, handgefertigt und bemalt von Tout Terrain. Im Zentrum der Geschichte stehen wir als Athleten und die Vögel als die größten Athleten des Planeten überhaupt. Der Mensch läuft mal einen Marathon, aber ein Regenbrachvogel fliegt über 9.000 Kilometer am Stück. Es ist bis heute ein Rätsel, wie er das schafft, und nach 20 Jahren Wissenschaft ist mein Resümee: Ohne eine emotionale Ebene bleibt diese Leistung zu abstrakt. Mit „Wings of Survival“ wollen wir eine neue Perspektive eröffnen und die Menschen erreichen.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Da kamen mehrere Auslöser zusammen: meine Suche nach kreativen Ansätzen für verstärkten Naturschutz und die Idee von Leanna, die Ausdauersportlerin ist, einen Weltrekord aufzustellen. Als ich eine Karte mit den globalen Flyways (Flugrouten) gesehen habe, kam die zündende Idee. Die Regenbrachvögel fliegen zwischen März und Mai nach Alaska zur Paarungszeit. Dort gibt es viele Insekten, um die Jungen aufzuziehen und für den Flug nach Südamerika zu stärken. Interessanterweise ziehen 40 Prozent der etwa 11.000 Vogelarten weltweit meistens nachts. Jede Art ist individuell, manche können sogar die Größe ihrer Organe verändern: In Alaska haben die Regenbrachvögel einen Riesenmagen, um Energiereserven aufzubauen, aber für die Reise vergrößert sich stattdessen ihr Atmungssystem. Wir sind als Menschen sehr durchschnittlich, wir können alles zwar ein bisschen, aber wir sind nirgendwo die Besten.

Sind die Vögel auf ihrer Route durch Umweltveränderungen betroffen?

Der Vogelzug ist eine unglaubliche Herausforderung und wir machen den Vögeln das Leben zusätzlich schwer, zum Beispiel durch den Klimawandel. In Alaska ist das ein zeitlich abgestimmtes System, wann die Insekten auftauchen, wann die Pflanzen blühen und wann die Vögel ankommen. Seit Jahren kommt dieser natürliche Rhythmus aus dem Schritt. Wir sehen, dass viele Vögel gar nicht mehr ziehen und keine Jungen mehr haben. 2019 hat eine wissenschaft­liche Studie gezeigt, dass seit 1970 über 70 Prozent aller Vogelpopulationen verschwunden sind. Als die Dinosaurier vor 80 Millionen Jahren ausstarben, da gab es die Vögel schon. Und dann schaffen wir es durch unseren Einfluss mehr als zwei Drittel innerhalb von 50 Jahren verschwinden zu lassen. Viele Arten, wie die Regenbrachvögel, sind bereits zu 90 Prozent verschwunden und akut vom Aussterben bedroht.

Forschen Sie auf der Expedition?

Wir haben verschiedene Forschungskomponenten: Sportwissenschaftler analysieren unsere mentale Belastung und das Game Changers Institute, das zu veganen Sportlern forscht, die körperlichen Auswirkungen. Wir nutzen Uhren und Radcomputer, die unsere physiologischen Daten durchgehend erfassen, und stellen anschließend einen datenbasierten Vergleich zu den Vögeln auf. Parallel dazu besenderten wir mit der Austral Shorebird Alliance in Chile fünf Regenbrachvögel mit winzigen GPS-Rucksäcken. Diese Vögel erreichen Alaska im Mai, wo sie brüten, bevor der Rückflug nach Patagonien beginnt, diesmal in Begleitung von uns Extremsportlern auf dem Rad.

Sie wollen auch Schulklassen besuchen.

Ja, das ist die Komponente Education. Wir werden jede Woche über Starlink online gehen, von Alaska bis nach Feuer­land, um Schulklassen in vielen Ländern virtuell mit auf die Reise zu nehmen. Auch vor Ort entlang der Route werden wir Kindern den Zusammenhang zwischen einer gesunden Natur und menschlicher Gesundheit näherbringen.

Was brauchen Sie an Ausrüstung?

Ein Begleitfahrzeug dient uns als Schlafplatz und mobile Technikzentrale für virtuelle Klassenzimmer; für den Betrieb brauchen wir noch Sponsoring. Ich hoffe, dass vielleicht auch in Deutschland ein paar lokale Unternehmen Interesse haben, jemanden aus Wuppertal zu unterstützen und ein Teil dieser außergewöhnlichen Geschichte zu werden.

Sie haben erst in Bayreuth, dann in Neuseeland Geoökologie studiert, in Australien den Doktor gemacht und an der kanadischen Universität von Alberta geforscht. Auf Ihren Studienreisen lebten Sie drei Jahre im Tropenwald auf Borneo. Wollten Sie schon immer Naturforscher werden?

Meine Idee war eigentlich immer Sport zu studieren, aber vor dem Zivildienst war ich ein halbes Jahr in Neuseeland und begann mich für Geoökologie zu interessieren. Jetzt bin ich ganz froh, dass ich mit „Wings of Survival“ meine Leidenschaften für Natur und Sport verbinden kann. Ich habe den Traum, die nächsten zehn Jahre vom Fahrradfahren für die Artenvielfalt leben zu können – auf diese Expedition sollen zwei weitere auf anderen Erdteilen folgen.

Wie ist der aktuelle Trainingsplan?

Ich fahre täglich etwa zwei Stunden, 40 – 50 Kilometer auf der Trasse. In Kanada liegt noch Schnee, also versuche ich hier so viel wie möglich auf dem Rad unterwegs zu sein.

Was gefällt Ihnen besonders gut im Bergischen?

Ich mag den Kontrast zwischen der Schwebebahn und der Landschaft der Hänge. Wuppertal liegt ewig langge­zogen im Tal und hat eine besondere Morphologie. Und die Radtrasse war die beste Idee überhaupt – wie bei der Schwebebahn fasziniert mich dort der Blick auf die Rückseiten und Hinterhöfe der Stadt.

Was ist Ihr Geheimtipp im Städtedreieck?

In den Skulpturenpark Waldfrieden und das Cinema-Kino gehe ich mit meiner Mutter mindestens einmal, wenn ich zu Besuch bin. Mein Vater hat damals sein ganzes Berufsleben bei dem Lackfabrikanten Kurt Herberts gearbeitet, um dessen Wohnhaus herum der Skulpturenpark entstanden ist.

Das Gespräch führte Evgenia Gavrilova.

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