Zwischen Handarbeit und Hightech - Manufakturen automatisieren
Viele produzierende Unternehmen im Bergischen stehen vor Herausforderungen: Prozesse müssen effizienter werden, gleichzeitig bleiben Fachkräfte knapp. Gerade komplexe Manufakturarbeit galt lange als schwer automatisierbar. Das Projekt „change.hub“ will dafür Lösungen entwickeln.
Das Bergische Städtedreieck ist Industrieregion – und zwar bis heute im klassischen Sinne. In vielen Unternehmen der Region wird noch dort von Hand gearbeitet, wo andere längst vollautomatisierte Großserien fertigen. Gerade darin liegt eine besondere Stärke des Standorts: hochspezialisierte Metallverarbeitung, komplexe Fertigungsschritte, kleine Stückzahlen und jahrzehntelanges Erfahrungswissen. Doch genau diese Strukturen stehen zunehmend unter Druck.
Fachkräftemangel, steigende Kosten und wachsender internationaler Wettbewerbsdruck stellen viele produzierende Unternehmen vor dieselbe Frage: Wie lassen sich Prozesse automatisieren, die bislang als kaum automatisierbar galten?
Denn der Stand in den Betrieben ist sehr unterschiedlich. Einige Unternehmen arbeiten bereits mit Robotik, sensorbasierten Systemen oder KI-gestützten Anwendungen. Andere beschäftigen sich gerade erst mit den Möglichkeiten. Viele wissen zwar, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen müssen, suchen aber noch nach einem realistischen Einstieg – insbesondere dort, wo Prozesse nicht standardisiert ablaufen, sondern von manueller Präzision, Erfahrung und Flexibilität geprägt sind.
Genau hier setzt das Projekt „change.hub – Automatisierung von Manufakturarbeitsgängen in der Industrie“ an. Ziel ist es, die metallverarbeitende Industrie im Bergischen Städtedreieck bei der Transformation zu unterstützen und Unternehmen den Zugang zu modernen Automatisierungstechnologien zu erleichtern.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht die klassische Automation großer Serienfertigungen, sondern die Frage, wie sich komplexe und variable Manufakturprozesse intelligent unterstützen lassen. Viele Arbeitsgänge in der bergischen Industrie gelten bislang als schwierig automatisierbar, weil sie hohe Präzision, flexible Abläufe oder menschliches Erfahrungswissen erfordern. Genau für diese Bereiche sollen neue Lösungen entwickelt werden.
Ein besonderer Fokus liegt auf sensitiver und kollaborativer Robotik. Anders als klassische Industrieroboter arbeiten diese Systeme nicht starr und abgeschottet, sondern reagieren sensibel auf ihre Umgebung, nutzen Sensorik und Datenverarbeitung in Echtzeit und können Menschen in Produktionsprozessen gezielt unterstützen. Hinzu kommen KI-gestützte Anwendungen – etwa für Prüfprozesse oder die Optimierung von Abläufen.
Die technologische Entwicklung ist dabei längst weiter, als vielen bewusst ist. Moderne Robotiksysteme können heute Bauteile optisch erkennen, Bewegungen anpassen oder mithilfe künstlicher Intelligenz aus Prozessdaten lernen. Auch Anwendungen wie automatisierte Materialtransportsysteme, Mensch-Roboter-Kollaboration oder sensorbasierte Qualitätskontrollen werden zunehmend relevant – insbesondere für mittelständische Produktionsunternehmen.
Der „change.hub“ verfolgt dabei einen bewusst praxisnahen Ansatz. Gesucht werden konkrete „Nadelöhr“-Prozesse in Unternehmen – also Arbeitsabläufe, die besonders zeitintensiv, personalabhängig oder ineffizient sind. Gemeinsam mit Wissenschaft und Industrie sollen daraus schrittweise Lösungen entwickelt werden.
Der Transformationsprozess beginnt mit einer Analyse der jeweiligen Produktionsabläufe und möglicher Automatisierungspotenziale. Anschließend werden passende Lösungen entwickelt, pilotiert und im Unternehmen getestet. Ziel ist es, Risiken bei der Einführung neuer Technologien zu reduzieren und gleichzeitig praxisnahe Erfahrungen aufzubauen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen anschließend auch anderen Unternehmen in der Region zugänglich gemacht werden.
Dass der Bedarf groß ist, zeigte bereits die Kick-off-Veranstaltung des Projekts im Februar. Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Wissenschaft und Wirtschaftsförderung diskutierten dort intensiv über konkrete Herausforderungen in den Betrieben, mögliche Einsatzfelder für Robotik und die Frage, wie der Mittelstand beim Einstieg in neue Technologien unterstützt werden kann. Besonders deutlich wurde dabei: Viele Unternehmen suchen weniger nach theoretischen Zukunftsszenarien als nach realistischen und wirtschaftlich tragfähigen Lösungen für ihren Produktionsalltag.
Langfristig soll der „change.hub“ deshalb mehr sein als ein einzelnes Förderprojekt. Geplant ist der Aufbau einer dauerhaften Transfer- und Innovationsplattform für das Bergische Städtedreieck. Dazu gehören unter anderem Qualifizierungsangebote, eine Testinfrastruktur für sensitive Robotik sowie der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Unternehmen.
Denn die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob sich produzierende Unternehmen mit Automatisierung und KI beschäftigen müssen – sondern wie schnell es gelingt, dafür praktikable
Lösungen zu entwickeln. Gerade für eine Industrieregion wie das Bergische Land könnte das zu einem entscheidenden Zukunftsfaktor werden.
Text: Janina Zogass
Gute Nachrichten von der Hannover Messe: „automotiveland.nrw“ kann auch in den kommen-den Jahren auf die Unterstützung des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums bauen. Am 20. April wurde auf der Messe der neue Zuwendungsbescheid offiziell übergeben – ein wichtiges Signal für die zukünftige Arbeit des Netzwerks und die Transformation des Automoti-ve-Standorts NRW.
Die Förderung bildet die Grundlage dafür, bestehende Projekte weiterzuführen und neue Impul-se für die Branche zu setzen. Dazu gehören unter anderem Netzwerkformate, Transformations-projekte sowie der Austausch zwischen Industrie, Wissenschaft und Politik.
„Die Automotive-Industrie befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Umso wichtiger sind starke Netzwerke, die Unternehmen Orientierung, Austausch und konkrete Unterstützung bieten“, erklärt Stephan A. Vogelskamp, Geschäftsführer der Bergischen Struktur- und Wirt-schaftsförderungsgesellschaft mbH.
Direkt am Folgetag stand auf der Hannover Messe der internationale Austausch im Mittelpunkt. Bei mehreren Veranstaltungen und Gesprächen ging es um neue Kooperationsperspektiven mit China. Zum Auftakt nahm „automotiveland.nrw“ an der Veranstaltung „Braunschweig trifft Bei-jing“ teil, bei der Investitions- und Kooperationsmöglichkeiten mit der chinesischen Hauptstadt vorgestellt wurden.
Im weiteren Verlauf führte das Programm unter anderem in das Experience Center des Förder-mitglieds Clavey in Salzgitter, wo aktuelle Entwicklungen und Innovationsansätze des industriel-len Mittelstands präsentiert wurden.
Am Abend bot schließlich der Empfang der chinesischen Provinz Hunan Gelegenheit zum weite-ren Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Institutionen. Für die deut-sche Seite eröffnete Stephan A. Vogelskamp die Gespräche mit einem offiziellen Grußwort.
Die Gespräche auf der Messe machten deutlich: Das Interesse an Kooperationen mit deutschen Regionen und Unternehmen bleibt groß – auch mit Blick auf Industrie, Innovation und Transfor-mation.
Text: Janina Zogass