Was tun gegen hohen Krankenstand? - Gesundheit am Arbeitsplatz

Die deutschlandweite Debatte rund um zu viele Fehltage beschäftigt auch die Wirtschaft im Bergischen Städtedreieck. Das Thema ist sehr komplex, wie Gespräche mit Unternehmen und Institutionen zeigen.

Telefonische Krankschreibung abschaffen? Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag? Kaum ein gesundheitspolitisches Thema wird derzeit so emotional und kontrovers diskutiert wie der Krankenstand in Deutschland. Erklärtes Ziel der von der Politik geplanten Verschärfungen bei den Krankschreibungen ist es, den hohen Krankenstand in den Unternehmen zu senken und so die Wirtschaft anzukurbeln. So lässt sich, ein wenig zugespitzt, die Debatte auf den Punkt bringen: Zu viele Beschäftigte seien krank, die Arbeitsmoral nehme ab und die sogenannte „Bettkantenentscheidung“ werde zum Sinnbild einer Generation, die sich morgens bei leichten Beschwerden gegen die Arbeit entscheide. „Diese Diskussion greift allerdings zu kurz“, sagt Christiane Otto, AOK-Regionaldirektorin für das Bergische Land. „Wer die Entwicklung verstehen will, muss sich die Daten an-schauen – und die erzählen eine deutlich differenziertere Geschichte.“

Sie verweist auf den Gesundheitsbericht Rheinland 2026 als belastbare Datengrundlage. Er wertet die Arbeitsunfähigkeitsdaten von rund 1,15 Millionen AOK-Versicherten Beschäftigten in der Region aus. Die Zahlen zeigen: Seit 2021 ist der Krankenstand kontinuierlich gestiegen. 2025 gab es erstmals wieder einen leichten Rückgang um -2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch lag der Krankenstand weiterhin bei etwa sieben Prozent und damit auf einem hohen Niveau. Die häufigsten Ursachen bleiben Atemwegs­erkrankungen, Rückenschmerzen sowie Magen-Darm-Erkrankungen. Auf Platz vier folgen Bauch- und Beckenschmerzen. Bereits auf Rang fünf stehen psychische Erkrankungen, insbesondere Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen. Auch der Blick auf die Branchen zeigt deutliche Unterschiede. Mit einem Krankenstand von 9,13 Prozent führt weiterhin der Pflegesektor das Ranking an. Es folgen Metallerzeugung mit 9,06 Prozent, die Ver- und Entsorgung mit 8,78 Prozent sowie die Metallwarenherstellung mit 8,54 Prozent.

Besonders hohe Krankenstände verzeichnet laut Gesundheitsbericht 2026 der AOK Rheinland/Hamburg weiterhin das Bergische Städtedreieck. Mit 7,99 Prozent liegt Remscheid an der Spitze des Rheinlandes (Update nach dem ersten Halbjahr 2026: 7,8). Wuppertal folgt mit 7,73 Prozent (7,4) auf Platz drei. Solingen bewegt sich mit 7,31 Prozent im oberen Mittelfeld (7,4) Zum Vergleich: Die geringsten Krankenstände wurden in Bonn (5,85 Prozent) und in Hamburg (6,26 Prozent) gemessen. Ebenfalls unter der 7-Prozent-Marke lagen 2025 unter anderem die Städte Köln, Düsseldorf und Leverkusen sowie der Kreis Kleve. Für die AOK-Regionaldirektorin Otto sind diese Unterschiede kein Zufall. „Regionen, die stärker von Handel oder Dienstleistung geprägt sind, haben andere Belastungsprofile als Städte mit einem hohen Industrieanteil. Hier herrschen meist andere körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten und Schichtarbeit“, so Otto. Hinzu komme die Tatsache, dass Homeoffice im produzierenden Gewerbe „praktisch kaum möglich ist“. Zudem nennt sie eine hohe psychische Belastung durch Unsicherheiten in Krisenzeiten: „Wenn Menschen nicht wissen, wie es mit ihrem Unternehmen weitergeht, ob Arbeitsplätze erhalten bleiben oder neue Umstrukturierungen anstehen, dann wirkt sich das auf die Gesundheit aus.“

Wie eng wirtschaftliche Unsicherheit und Gesundheit zusammenhängen, zeigt die Zulieferindustrie. Hier erreichte der Krankenstand im Jahr 2025 mit 8,94 Prozent den bislang höchsten Wert. Es bedeutet, dass an jedem Tag knapp 9 von 100 Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz fehlen. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, denn in die Statistik flossen nur ärztlich bescheinigte Fehlzeiten ein. Zum Vergleich: 2016 lag der Krankenstand noch bei 6,82 Prozent. Fest steht: Mit einem hohen Krankenstand sind große wirtschaftliche Herausforderungen verbunden. „Entgeltfortzahlung, Produktionsausfälle, Vertretungslösungen – das schlägt sich direkt in der Wirtschaftlichkeit nieder“, sagt Dr. Sasha Javanmardi, Leiter Gesundheit, Sicherheit und Umwelt (HSE) beim Wuppertaler Werkzeughersteller Knipex. Hinzu komme der Verlust von implizitem Wissen, wenn Mitarbeitende über längere Zeit ausfallen. Und schließlich die Organisation: „Hohe Krankenstände machen Schichtpläne und Prozesse instabil. Es entsteht eine Art Dominoeffekt: Ausfälle führen zu Mehrbelastung bei den Anwesenden, was weitere Ausfälle be-günstigen kann.“ Ein Kreislauf, den man, so Javanmardi, „aktiv durchbrechen muss“.

Knipex verfolge dabei einen ganzheitlichen Ansatz. „Wir differenzieren bewusst nach Alter, Geschlecht, Tätigkeit, gesundheitlichem Zustand und Wissensstand und leiten passgenaue Strategien ab“, so Javanmardi. „Konkret bedeutet dies, dass wir einerseits Verhältnisse anpassen wie die Arbeitsbedingungen selbst. Anderer­seits stärken wir das Verhalten durch gezielte Trainings oder Schulungen.“ Dabei arbeite man sowohl „primärpräven­tiv“ (zur Vermeidung von Krankheiten) als auch „sekundärpräventiv“ (durch Früh­erkennung von Risiken sowie gezielte Unterstützung von Mitarbeitenden, die bereits gesundheitliche Einschränkungen haben). Den größten Anteil bei Knipex machen orthopädische Beschwerden aus, gefolgt von Atemwegserkrankungen. Aber diese Zahlen bieten laut Javanmardi nur eine Orientierung. Entscheidend sei, die Beschwerden mit dem Menschen zu verbinden. „Erst wenn man gemeinsam mit den Mitarbeitenden die individuelle Situation versteht und darauf abgestimmt handelt, entsteht eine wirksame Strategie. Alles andere wäre Gießkannenprinzip, und das greift erfahrungsgemäß zu kurz.“ Damit macht das Unternehmen gute Erfahrungen. „Wir sehen eine Reduktion des Krankenstandes in allen Bereichen. Dazu leistet sicherlich auch unser Betriebliches Gesundheitsmanagement einen Beitrag. Statt pauschaler Maßnahmen schauen wir viel genauer hin. Besonders in der Produktion haben wir die Belastungen systematisch erfasst, stratifiziert und gezielte Maßnahmen abgeleitet.“

Sehr häufig taucht der Faktor Alter in der Debatte auf. Ein weiterer Blick in den AOK-Gesundheitsbericht zeigt eine Entwicklung, die nach Einschätzung der Regionaldirektorin häufig missverstanden wird. Demnach sind Jüngere häufiger, aber kürzer krank, Ältere dagegen seltener und dafür länger. Besonders deutlich wird das bei Atemwegserkrankungen. Beschäftigte bis 19 Jahre verzeichnen die höchste Anzahl an AU-Fällen und an AU-Tagen, aber im Durchschnitt eine sehr geringe Falldauer. Bei den über 60-Jährigen ist es genau umgekehrt: Sie haben die wenigsten AU-Fälle – verursachen jedoch sehr viele Ausfalltage. „Hierbei handelt es sich nicht um ein neues Phänomen, welches man auf die Generation Y oder Z beziehen könnte. Das ist eine normale Folge des Älterwerdens, das war schon immer so und hat nichts mit fehlender Leistungsbereitschaft zu tun“, erklärt Otto.

Die konkreten Erfahrungen mit Fehltagen bei jungen Menschen sind durchaus unterschiedlich. Torsten Küster etwa nimmt wahr, „dass die Anzahl der Krankmeldungen in der Schule zugenommen hat“, so der Studiendirektor am Friedlich-List-Berufskolleg Solingen und Vorsitzender des Ausschusses für Schule und Weiterbildung in der Stadt. „Dabei sind die Fehlzeiten meist nur von kurzer Dauer und beschränken sich in der Regel auf ein bis zwei Tage. Dafür treten die Krankmeldungen im Verlauf eines Schuljahres häufiger auf.“ Seiner Wahrnehmung nach geht die „Generation Z“ bewusster mit Gesundheit und Belastung um – was grundsätzlich positiv sei. „Allerdings spielen in diesem Kontext auch Begriffe wie ,Selbstoptimierung’ und ,Work-Life-Balance’ eine nicht zu unterschätzende Rolle.

In diesem Kontext erlebe ich, dass einige Auszubildende den Ansatz ,mehr auf die Gesundheit zu achten’ sehr großzügig auslegen und bereits bei leichten Beschwerden eine Krankmeldung in Anspruch nehmen.“ Darin sehe er die eigentliche Herausforderung. Die Folgen: „In der Berufsschule versäumen Auszubildende wichtige Unterrichtsinhalte. Werden diese nicht eigenständig nachgearbeitet, entstehen Wissenslücken, die sich negativ auf die schulischen Leistungen und gegebenenfalls auch auf die IHK-Prüfungen am Ende auswirken können. Zudem beeinträchtigen häufige Fehlzeiten den Unterrichtsprozess insgesamt. Müssen Inhalte im Unterricht regelmäßig wiederholt werden, weil Teil der Klasse aufgrund der Fehlzeiten nicht mehr mitkommen, verlangsamt sich der Lernfortschritt der gesamten Klasse.“ Demgegenüber sagt Alexander Lampe: „Der Eindruck, dass insbesondere die jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oder die Auszubildenden häufiger erkranken als die Gesamtbelegschaft, kann nach unseren Erfahrungen und Erkenntnissen nicht belegt werden“, so der Geschäftsführer des Berufsbildungszentrums der Remscheider Metall- und Elektroindustrie, kurz BZI. „Wir können jährlich auf über 140 Auszubildende in der Grundausbildung blicken, die zwölf Monate in unserem Hause die Grundausbildung absolvieren. Darüber hinaus sind es mehrere Hundert Auszubildende in den einzelnen Fachlehrgängen bis hin zur Prüfung.

Und wir stellen zumeist fest, dass die derzeit in der gesamten Arbeitnehmerschaft der Metall- und Elektroindustrie relativ hohe Krankenquote auch die Auszubildenden trifft – sie jedoch nicht höher oder niedriger ist.“ Den allgemein hohen Krankenstand und seine wirtschaftlichen Folgen beobachtet Lampe kritisch. „Als seit mehr als 30 Jahren tätiger Unternehmer fällt es mir nicht immer leicht, das Problem der Arbeitsunfähigkeit im Betrieb aufzufangen und zu ,bezahlen’, wenn wir in den Betrieben nicht die Gründe und die Ursachen für die Arbeitsunfähigkeit verursacht haben“, so Lampe. „Bei allem Respekt für unseren Sozialstaat – warum müssen die Unternehmen die Kosten dafür tragen, wenn dauerhaft ungesunde Lebensweisen, risikobehaftete Hobbys etc. dazu führen, dass in den Unternehmen Mitarbeitende fehlen und diese Lücke von der Gemeinschaft wieder aufgefangen werden muss?“

Diese Meinung vertritt auch IT-Unternehmer und IHK-Präsident Henner Pasch. Er hofft zudem, dass eine gesetzliche Änderung bei der Krankmeldung „die schwarzen Schafe“ abschrecken werde. „Diejenigen, die wirklich krank sind, werden zu Recht vom Staat, vom Arbeitgeber und übrigens meist auch von den Kolleginnen und Kollegen unterstützt“, so Pasch. Wer aber „krank feiere“, tue dies auf Kosten aller. „Das darf nicht sein.“ Pasch weist darauf hin, dass Arbeitgeber auch nach der bisherigen Rechtslage ein Attest ab dem ersten Krankheitstag verlangen können. „Wir handhaben es in meinem Unternehmen seit vielen Jahren so und fahren sehr gut damit.“ Für Berufskolleg-Lehrer Küster liegt in einer guten Kommunikation der Schlüssel. „Entscheidend ist, die Ursachen für vermehrte Fehlzeiten zu verstehen. Nicht immer sind es körperliche Erkrankungen wie beispielsweise eine Grippe, die zu einer Krankmeldung führen. Auch Faktoren wie mangelnde Wertschätzung, hoher Leistungsdruck oder Prüfungsangst können sowohl in der Schule als auch im Betrieb Fehlzeiten begünstigen.“

Ein gut aufgestelltes Gesundheitsmanagement sowie eine offene und vertrauensvolle Kommunikationskultur in Schule und Betrieb könnten daher einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Fehlzeiten vorzubeugen und die Gesundheit der Auszubildenden nachhaltig zu fördern. Aus Sicht der Bergischen IHK greift es zu kurz, die Diskussion über Fehlzeiten auf einen Generationenkonflikt zu reduzier „Die unterschiedlichen Erfahrungen aus Betrieben und Berufsschulen zeigen vielmehr, dass wir genauer hinschauen müssen. Gleichzeitig wird die heute junge Generation voraussichtlich länger im Erwerbsleben stehen als frühere Generationen. Umso wichtiger ist es, bereits in der Ausbildung und beim Berufseinstieg Gesundheitskompetenz zu vermitteln und Prävention fest zu verankern“, sagt Carmen Bartl-Zorn, als Geschäftsführerin für den IHK-Geschäftsbereich Aus- und Weiterbildung zuständig.

Genau hier setze die Bergische IHK ge-meinsam mit der AOK mit Azubi-Gesundheitstagen an. „Junge Menschen sollen früh lernen, auf ihre Gesundheit zu achten, Belastungen richtig einzuschätzen und ihre Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten“, so Bartl-Zorn. „Prävention bedeutet dabei für uns mehr als Bewegung, gesunde Ernährung oder den richtigen Umgang mit körperlichen und psychischen Belastungen. Sie bedeutet auch, frühzeitig ein Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Fehlzeiten zu schaffen.“ Bartl-Zorn betont: „Wer krank ist, soll und muss sich auskurieren können. Gleichzeitig sollte gerade jungen Menschen bereits während der Ausbildung vermittelt werden, dass Fehlzeiten nicht ausschließlich eine individuelle Dimension haben. Ausfälle müssen im Betrieb aufgefangen werden: Kolleginnen und Kollegen übernehmen zusätzliche Aufgaben, Arbeitsabläufe und Schichtpläne müssen angepasst werden, Aufträge können sich verzögern und dem Unternehmen entstehen zusätzliche Kosten. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen können schon wenige kurzfristige Ausfälle spürbare Auswirkungen haben.“ Gesundheitsbewusstsein bedeute für die IHK deshalb beides: Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen und zugleich die Verantwortung gegenüber Kolleginnen und Kollegen sowie dem Betrieb im Blick zu behalten. „Prävention, Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung gehören für uns untrennbar zusammen.“ „Wir diskutieren über Krankmeldungen und Fehlzeiten, also über Symptome“, sagt Knipex-HSE-Leiter Javanmardi.

„Der Fokus sollte viel stärker darauf liegen, Gesundheit frühzeitig zu fördern und zu erhalten, idealerweise bereits in jungen Berufsjahren. Gesundheitsförderung ist keine Kür, sondern ein wirtschaftlicher Hebel und eine Investition in die Zukunft des Unternehmens.“ Auch die AOK-Regionaldirektorin betont: „Der Krankenstand ist kein eindimensionales Thema.“ Branchenstruktur, Altersentwicklung, Arbeitsdichte, körperliche Belastungen und psychische Faktoren beeinflussten die Fehlzeiten gleichermaßen. „Wer Fehlzeiten nachhaltig reduzieren will, sollte den Blick nicht allein auf Bettkantenentscheidungen und Krankschreibungen richten“, sagt Otto. „Entscheidend sind Arbeitsbedingungen, die Gesundheit fördern, eine gute Führungsqualität und echtes Interesse an den Menschen im Unternehmen.“

Text: Daniel Boss

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