Rauhfaser aus Wuppertal - Tapeten für die ganze Welt

Die Firma Erfurt und Sohn wird in achter Generation von Felicitas Erfurt-Gordon gemeinsam mit Henrik Erfurt geleitet. Von Wuppertal aus produziert die Firma Tapeten für die Welt. Im kommenden Jahr seit 200 Jahren.

Wer durch die Flure der Firma Erfurt geht, kann sich gleich ein Bild machen von den dominierenden Produkten der Firma. Denn die Wände sind mit den eigenen Tapeten beklebt. Und nicht durchgehend mit denselben. Neue Varianten werden auch in den Fluren getestet. Die Firma Erfurt existiert kommendes Jahr 200 Jahre lang. „Unsere Vorfahren kamen aus der Region Erfurt“, erzählt Felicitas Erfurt-Gordon. „Sie haben hier in Wuppertal den perfekten Ort für die Papierproduktion gefunden.“ Die Kombination aus dem weichen Wasser der Wupper und den Hängen direkt daneben zum langsamen Trocknen des Papiers sei ideal gewesen. „Die hohe Luftfeuchtigkeit im Tal hat papiertechnologische Vorteile.“ Seitdem hat sich viel getan, aber dem Standort ist man stets treu geblieben. Zudem ist er immer weiter gewachsen. Entlang der Wupperstraße in Wuppertal-Beyenburg fährt man gut zwei Kilometer an den Firmengebäuden entlang.

Die Wupper fließt mitten durch das Firmen­gelände, das historisch gewachsen ist. Sieben Brücken verbinden die unterschiedlichen Produktionshallen, insbesondere Papierherstellung und die Weiterverarbeitung zu Tapeten. Die Firma ist vor allem für ihre Rauhfasertapete bekannt. Durch deren hohe Marktdurchdringung und weitere Volumenprodukte entwickelte die Firma Erfurt sich zum Weltmarktführer für überstreichbare Wandbeläge. Sogar bis in das Papier-Traditionsland China exportiere man, so Frank Seemann, der Marketingleiter. Erfurt und Sohn wurde als Spezialpapier­firma gegründet und ist nach vielen Jahren der Tapeten-Fokussierung auch wieder vermehrt in dem Bereich tätig. Erfurt-Gordon nennt etwa Mulchpapier für die Landwirtschaft als ein Standbein, das ökologischer sei als Mulchfolie. „Das zeigt die große Bandbreite der Möglichkeiten unserer Papierproduktion“, sagt sie. Die Rauhfasertapete wurde 1864 erfunden. Hugo Erfurt, Enkel des Gründers Friedrich, suchte nach einer Alternative für das französische Velourpapier zur Dekoration von Schaufenstern. Jahre später wurde es als Wandbekleidung entdeckt und trat seinen Siegeszug an. „Die Tapete ist relativ nassfest und man konnte auch grobe Wandstrukturen damit wohnlich machen“, erklärt Marketingleiter Seemann die Vorteile, damals wie heute. Je nachdem, wie die Tapete gestrichen wird, können markante und edle Effekte entstehen.

Felicitas Erfurt-Gordon setzt mit der Firma auf Nachhaltigkeit. „Recyclingmaterial setzen wir bereits seit 1930 ein“, sagt Erfurt-Gordon. „Das stand nur nie so im Fokus.“ Seit 1990 sei man auf dem Weg analog des 1,5°-Ziels des Pariser Klimaabkommens (COP21). Das sei ein ökologisches Ziel, aber auch im ökonomischen Zusammenhang wichtig: „Jede unserer Investitionen in Effizienz ist auch eine in Innovation und Nachhaltigkeit“, sagt sie. Seit 2020 wird der CO2-Fußabdruck genau bestimmt, es gibt einen Code of Conduct, eine klare Transformationsstrategie und etwa auch eine PV-Anlage auf dem Dach. „Das Gute bei einem Familien­unternehmen wie diesem“, so Seemann, „ist, dass die Unternehmen einen langen Atem haben. Nicht jede Entscheidung und Investition muss sich im nächsten Quartalsbericht positiv widerspiegeln.“ Dabei spielen auch Produktinnovationen eine Rolle. Denn Tapete ist nicht bei Rauhfaser stehen geblieben. Heute gibt es etwa Vlies-Rauhfaser oder Glattvlies-Tapete sowie Ergänzungsprodukte wie Innendämmung – teilweise Cradle to Cradle zertifiziert, also nach einem sehr hohen Produkt- und Nachhaltigkeitsstandard.

Erfurt produziert Tapeten sowohl für Heimwerker als auch für die Profis – die Maler. Durch die Marktnähe und den ständigen Austausch mit dem Malerhand­werk entstehen so regelmäßig neue Ideen und Produkte. Eine Innovation im Profibereich ist etwa die Giga-Rolle – eine raumhohe Tapetenrolle, mit der man naht­los horizontal tapezieren kann. Dazu gibt es einen eigens entwickelten Giga-Abroller. Einmal ausprobiert, finde die innovative Art des Tapezierens immer mehr Fans, so Seemann. Eine weitere Innovation des Wuppertaler Tapeten-Spezialisten sind digital bedruckbare Tapeten, genannt „Juicy Walls“. Kunden können über den Malerbetrieb die Motivtapeten bestellen. Erfurt bietet dafür eine große Auswahl an ausgewählten Motiven an – darunter Bilder aus den Bereichen Natur oder Grafikdesign. „Gut die Hälfte der Kunden findet bei uns das passende Motiv“, sagt Frank Seemann. Die andere Hälfte nutze die Möglichkeit, ein eigenes Motiv hochzuladen – etwa ein Foto aus dem Urlaub oder vom eigenen Haustier, so Seemann. Das Bildmotiv wird im Digitaldruckverfahren auf einer speziellen Vliestapete aus Textil- und Zellulose­fasern gedruckt. Auf dem Firmengelände erahnt man die Geschichte des Unternehmens an vielen Stellen. Links der Wupper stehen die historischen Hallen.

Alte Backsteingebäude, das älteste von 1884. Die Firma betreibt auf dem Gelände ein eigenes Kraftwerk. Früher Braunkohle-betrieben. Heute läuft es mit Gas. Die PV-Anlage auf dem Dach versorgt die Verwaltung zusätzlich mit Strom. Das Kraftwerk werde hocheffizient auf vielfache Weise genutzt. „Hitze, Dampf, Wärme – das nutzen wir alles selbst“, so Seemann.

Erst 2024 wurde ein Investitionsprogramm von 30 Millionen Euro beschlossen. Ein Großteil davon fließt in neue Produktionsanlagen – mit Blick auf Effizienz der Produktion und Energieverbrauch. Der Ausbau der Sparte Spezialpapiere gehört ebenso dazu wie Investitionen in das eigene Kraftwerk. Rechts der Wupper ist die Firma gewachsen. Dort sind neuere Gebäude zu sehen. Hier kommen auch die Rohstoffe an. Riesige Bündel mit frischer Cellulose aus schnell nachwachsenden Bäumen. Und Recyclingpapier in rauen Mengen. Hunderte Blöcke stehen gestapelt auf dem Hof – vor dem grünen Waldpanorama, das das Firmengelände einrahmt. Man kann noch französische Wörter auf den Papierresten erkennen, Teile von E-Mails erahnen. „Die Güte des Papiers hängt zusammen mit der Häufigkeit des Recyclens“, erklärt Seemann.

Wenn man an den Hallen vorbeiläuft, an historischen Gebäuden und Silos mit Zusatzstoffen für die Tapetenherstellung, gelangt man zur Wupper und zur eigens gebauten Fischtreppe. Denn in dem einst von Industrie verschmutzten Fluss kommen heute Lachse zurück zum Laichen. Erfurt lebt vom Fluss und möchte mit dem Fluss leben. In den Hallen startet der Produktionsprozess. Und folgt einer langen Linie innerhalb eines langen schlauchartigen Gebäudes. Los geht es mit dem sogenannten Pulper. In dem riesigen Rührbottich werden Recyclingpapier oder Zellstoff mit Wasser verrührt. Bis ein Papierbrei entsteht, der aus dem Bottich gepumpt werden kann. Der Brei wird weitergeleitet auf eine Papiermaschine von hunderten Metern Länge und 3,2 Meter Breite. Der Brei wird über Bänder und Walzen bewegt. „Dabei wird Wasser entzogen, so lange, bis die Bahn sich selbst trägt, das Papier also stabil ist“, erklärt Seemann. Die Walzen haben verschiedene Durchmesser, hängen auf verschiedenen Höhen, die Papierbahnen werden von hinten nach vorne auf mehreren Ebenen bewegt. Wenn die Bahnen sich selbst tragen und stabil genug sind, einen größeren Abstand zwischen den Rollen auszuhalten, hängt ein starkes Licht über der Bahn. Ein Gegenlicht, um die Papierqualität zu prüfen. Auf diesen Maschinen entscheidet sich auch, wie viele Lagen die Tapete bekommt, ob sie glatt oder rau sein wird – je nachdem, ob Holzpartikel eingefügt werden oder nicht.

Im weiteren Bereich der Anlage wird das Papier bei hoher Hitze getrocknet – hinter einer durchsichtigen Wand laufen die Papierbänder über die Rollen. Man spürt die Wärme, wenn man neben der Maschine läuft. Die Halle sei einst verlängert worden, um eine schnellere Produktionsgeschwindigkeit zu ermöglichen, sagt Seemann.

Am Ende des Prozesses und der Halle werden die Bahnen aufgerollt zu riesigen Bobinen. Sie werden in der Rollenschneidemaschine auf verschiedene Zielbreiten geschnitten. Die Mitarbeiter hier an der Maschine kleben die Enden der Bahnen auf Hülsen fest, die dann in wenigen Minuten zu meterdicken Tapetenrollen anwachsen. Denn Heimwerker und Maler arbeiten mit verschiedenen Breiten. „Wir versuchen natürlich, die volle Breite der Rolle zu nutzen“, sagt Seemann. Die geschnittenen Bobinen werden auf die andere Seite der Wupper gebracht. Rechts der Wupper wird das Papier hergestellt, links der Wupper, in den alten Hallen, werden die Chargen geprüft und für den Verkauf vorbereitet. In der Qualitätssicherung werden die Tapeten getestet, mit Apparaten, die Dicke, Reißfestigkeit und Nassfestigkeit prüfen. Hier werden Tapeten auch probeweise tapeziert und gestrichen. Man sieht verschieden geprägte Tapeten und wie sie in Weiß, aber auch wie sie mit Farbe aussehen. So wird deutlich, welche Effekte möglich sind, mit der richtigen Streichtechnik. Gerade in England seien weiter geprägte Strukturen mit Mustern beliebt, erklärt Seemann.

Die Bobinen, die geschnittenen Rollen, werden nochmals umgerollt. Auf langen Bändern legt sich die Tapete in Falten. Sie wird erst einmal nicht straffgezogen. Die Tapete wird nochmal abgebürstet und gereinigt. Aus den meterlangen Papierwellen werden jetzt die handelsüblichen Rollen für Baumarktkunden oder Maler. Auf den letzten Metern können die Tapeten jetzt noch geprägt werden mit den verschiedenen Mustern. In deckenhohen Regalen liegen hier Walzen mit den verschiedenen Prägungen. Eine Etage darüber stehen die Maschinen, die die Rollen einpacken, 20 Maschinen hintereinander. Die Tapete wird erst in Folie gewickelt, dann in Kartons gesammelt. Was vor wenigen hundert Metern noch Brei war, wird hier als fertiges Produkt verpackt und ist verkaufsbereit.

Erfurt bietet Kunden und Partnern an, vor Ort Produkte zu testen. Es gibt Schulungsräume im Haus. Aber der Firma ist nicht nur die Außenwirkung wichtig. Sie ist auch sehr bemüht um die Mitarbeitenden. Gut 360 gebe es davon vor Ort, zusammen mit verbundenen Unternehmen seien es insgesamt gut 500. Teilweise seien die über Generationen in der Firma beschäftigt, sagt Erfurt-Gordon. Viele der Mitarbeiter früherer Generationen seien aus Italien gekommen, von der Insel Sizilien – und viele davon aus demselben Ort. Im Sommer würden deswegen immer wieder viele Mitarbeitende im selben Ort Urlaub machen. Die Firma nutze die Zeit für Reinigung und Wartung – und produziere vor den Ferien entsprechend vor, so Seemann.

Die Tapeten von Erfurt sind ein Exportschlager und ein Produkt, das trotz aller Innovation noch nahezu so produziert wird wie vor 100 Jahren. Die Firma begeht im kommenden Jahr das 200. Jubiläum. Sie wird das feiern mit Kunden und Partnern – und den Mitarbeitenden mit Familien. Und sich auf viele weitere Jahre vorbereiten. Mit einer guten Idee, die bis heute Bestand hat und erfolgreich ist.

Text: Eike Rüdebusch

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